Interviewanfrage? Hier entlang!

Liebe Medienschaffende, liebe Journalist*innen,

Sie möchten gerne ein Interview mit mir machen – wie schön! Ich freue mich sehr über Ihr Interesse an meiner Arbeit und meinen Perspektiven.

Meine Erfahrungen in den letzten Jahren haben mich gelehrt, dass sich unhinterfragte Normen, Vorurteile und massive Stereotype leider auch dort zeigen, wo eigentlich ergebnisoffen, sachlich und vorurteilsfrei gearbeitet werden sollte: im Journalismus. Bevor Sie mich (und andere Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen, die sich kritisch mit Gesundheits- Schönheits- und Körpernormen befassen) interviewen, lesen Sie bitte folgende Zeilen durch. Ich präsentiere Ihnen Fragen, die mir in den letzten Jahren immer und immer wieder gestellt wurden und die

a) am eigentlich Thema vorbeigehen,
b) problematisch oder diskriminierend,
c) respektlos und grenzüberschreitend sind
oder
d) alle oben genannten Merkmale aufweisen

Ich bitte Sie, von diesen Fragen abzusehen. Sie wurden mir unzählige Male in Wort und Schrift gestellt und ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass sie von den wirklich relevanten Fragen ablenken. Lassen Sie uns die Zeit besser nutzen! Gerne können Sie aus untenstehenden Antworten zitieren, falls Sie eine oder mehrere Frage(n) dennoch für relevant halten.

Wie viel wiegen Sie? Wie ist Ihre Konfektionsgröße?

Ja, ich habe ein Buch über Körpergewicht geschrieben und argumentiere, dass Gewicht gesellschaftlichen Einfluss auf unsere Lebenserfahrungen und -chancen hat. Ich sage aber auch, dass wir der Zahl auf der Waage viel zu viel Wichtigkeit zuschreiben und wünsche mir, dass wir mehr über dicke Lebensrealitäten und Gewichtsdiskriminierung im Gesundheitsbereich, in der Arbeitswelt, in der Mode und im Alltag reden. Schnell merkt man, dass (m)eine Kiloanzahl dafür nicht relevant ist, denn ich kämpfe dafür, dass die Zahl auf der Waage eben nicht mehr darüber entscheidet, wie viel Wert einer Person zugeschrieben wird. Darüber hinaus ist es respektlos – und reißerisch – in den Medien permanent auf das eigene Gewicht reduziert zu werden.

Bitte stellen Sie sich als Journalist*in folgende Fragen: Was bezwecken Sie mit der Frage nach meinem Gewicht? Welche Vorannahmen und Stereotype werden in Ihrem Kopf aufgerufen, wenn ich zum Beispiel sage: „Ich wiege 68kg.“ Oder wenn ich sage: „Ich wiege 120kg.“ Was denken Sie, was mein Gewicht über mich aussagt?

#funfact: Wer mein Buch gelesen hat, weiß, dass ich diese Frage (indirekt) beantworte.

Was essen Sie so?

„Zum Frühstück hatte ich ein Brötchen mit Käse und Gurkenscheiben und einen Orangensaft, zum Mittag einen Halloumi Burger mit …“

Äh, Moment. Wollen Sie mit mir ausgehen? Habe ich eine Kochshow angeboten bekommen? Nein? Ach so.

Dann wundere ich mich, was Sie mit der Information zu meinem Essverhalten anfangen wollen: Soll „bewiesen“ werden, dass ich dick bin, weil ich gerne esse? Soll „bewiesen“ werden, dass ich dick bin, obwohl ich in Ihren Augen „normal“ esse? Wer oder was ist hier der Maßstab für „normales“, „richtiges“ und „gutes“ Essen? Was sagt mein individuelles Essverhalten (angeblich) über mich aus? Suchen Sie Gründe für mein Körpergewicht und warum? Welche Vorannahmen und Stereotype werden in Ihrem Kopf aufgerufen, wenn ich zum Beispiel sage: „Ich esse nur Cheeseburger!“ Oder wenn ich sage: „Ich esse den ganzen Tag Salat.“ Darüber möchte ich viel lieber sprechen, weil es Klischees und unhinterfragte Bilder sichtbar macht – und diese dann kritisch diskutiert werden können.

#funfact: Wer mein Buch gelesen hat, findet auch auf diese Frage eine Antwort.

Findet Ihre Partnerin es okay, wie Sie aussehen?

(… wahlweise werde ich auch nach meinem „Partner“ gefragt. #Heteronormativität #schlechtrecherchiert)

Darauf gibt es mehrere Antworten bzw. Gegenfragen, bitte suchen Sie sich die passende aus:

  • Ich brauche kein „Okay“ irgendeiner Person, um so zu sein, wie ich bin.
  • Finden Sie, dass ich mit einer Person zusammen sein sollte, die mich nicht „okay“ findet?
  • Mein*e Partner*in soll mich nicht nur okay finden, sondern mich gefälligst vergötterspeisen, verdammtnochmal.

Sind dicke Menschen wirklich verfressener / fauler / langsamer … als schlanke?

Eine exzellente Frage: Ich bin froh, dass wir diesem Mysterium endlich mal auf den Grund gehen. In die gleiche Kategorie gehören übrigens Fragen wie: „Sind Männer klüger als Frauen?“, „Essen Rothaarige mehr Karotten als Braunhaarige?“ oder: „Ist die Erde eine Scheibe?“

Sie ahnen es schon, die Antwort lautet: Nein.

Bitte vergessen Sie nicht: Dicke Menschen werden medial zwar als einheitliche, verfressene Masse dargestellt, aber wir sind durchaus Individuen mit unterschiedlichen Biographien, Körpern, Stärken und Schwächen. Man mag es kaum glauben!

Ist Dicksein nicht eher eine Krankheit und gehört therapiert?

Nein.

Dicksein wird in der Tat – zumindest ab einem Body Mass Index (BMI) ab 30 – pathologisiert und von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eigenständige Krankheit („Adipositas“) klassifiziert. Der BMI als Indikator für Gesundheit und Krankheit ist jedoch auch unter Expert*innen aus dem Gesundheitswesen stark umstritten.

Bitte beachten Sie, dass die Lebensrealitäten von hochgewichtigen Menschen extrem vielfältig sind, so dass eine generalisierende Aussage über den gesundheitlichen Zustand von dicken Menschen nicht getätigt werden kann. Eine heterogene Gruppe an Menschen pauschal therapieren zu wollen, erinnert eher an die diskriminierenden Pathologisierungen von queerem Begehren (bis 1992 im ICD der WHO verzeichnet) und trans* Identitäten (aktuell immer noch im ICD der WHO verzeichnet).

… und zuletzt noch eine Bitte:

Versuchen Sie sensibel in ihrem Sprachgebrauch zu sein. Bitte bezeichnen Sie dicke Menschen nicht als „übergewichtig“, „Tonnen“, „Vielfraße“ oder „maßlos“ und schlanke Menschen nicht als „normal“ – jupp, alles Zitate aus E-Mails von Journalist*innen …

Ich erkläre aber gerne, warum ich Begriffe wie „übergewichtig“ und „normalgewichtig“ ablehne und (politische) Bezeichnungen wie dick und fett bevorzuge.

Fotograf: Hans Scherhaufer

Ich danke Ihnen, dass Sie bis zum Ende gelesen haben und stehe für respektvolle Interviews auf Augenhöhe gerne bereit! E-Mail an: magda(at)maedchenmannschaft(punkt)net